Wenn das Christkind durchs Schlüsselloch schaut

Eine Weihnachtsgeschichte mit Perspektivenwechsel

Naturgemäß habe ich als Christkind am Heiligen Abend alle Hände voll zu tun.

Da bleiben kaum ein paar Minuten, um in einem Raum zu verweilen.

Der Weihnachtsmann hat es da besser.

Dem bleibt oft sogar Zeit, ein Glas Milch zu trinken und ein paar Kekse zu essen.

In einem Jahr aber – es ist noch gar nicht so lange her

- hat es sich so ergeben, dass ich, dank guter Vorbereitung und perfektem Zeitmanagement, gut unterwegs war und ein paar Minuten übrig hatte. Ich war gerade in einem schönen Wohnzimmer und fertig mit der Vorbereitung des Weihnachtsbaumes und der Geschenke, da hörte ich Stimmen vor der verschlossenen Tür. 

Ich schlich mich also hinüber und schaute durchs Schlüsselloch. Da standen ein Mann und eine Frau. Festlich waren sie gekleidet. Sie sprachen ganz gedämpft miteinander. Beinahe so, als wollten sie niemanden stören.

„Sind deine Eltern schon unterwegs?“ hörte ich die Frau fragen.

„Ja. Sie sollten in wenigen Minuten hier sein. Sollen wir vorher essen oder machen wir vorher die Bescherung?“, fragt der Mann.

„Irgendwie stellen wir uns jedes Jahr dieselbe Frage, dabei wissen wir beide, dass niemand in diesem Haus ans Essen denken kann, bevor die Bescherung stattgefunden hat“, antwortet ihm die Frau.

Die Beiden lachen und gehen in einen anderen Raum.

Da läuft plötzlich ein kleiner Hund durch den Vorraum. Er kommt an die Wohnzimmertür, ich sehe wie er aufgeregt mit seinem Schwanz wedelt und ich höre, wie er an der anderen Seite der Tür schnuppert.

Kann der mich riechen? Oder spüren? Schon möglich. Tiere können doch in dieser Nacht sogar sprechen?!

In dem Moment, als ich den Hund etwas fragen möchte, ruft ihn die Frau bei seinem Namen und er saust zu ihr. Auch ich bin im Begriff zu gehen, als ich gerade noch sehe, wie zwei kleine Kinder durch den Vorraum schleichen. Auch sie sind ganz festlich angezogen. Sie kichern, versuchen dabei aber leise zu sein. Sie schleichen sich an die Wohnzimmertür und ich glaube, sie legen ihr Ohr daran, um zu hören, ob es im Wohnzimmer still ist. Dabei schaffen sie es selbst kaum, eine Sekunde ruhig zu sein, niemals würden sie mich hören, wäre ich noch bei meinen Vorbereitungen.

Plötzlich sehe ich ein Auge auf der anderen Seite des Schlüssellochs.

Schnell ducke ich mich und halte meine Hand vor, damit nur Dunkelheit zu sehen ist.

„Ich sehe nichts“, flüstert es da an der Tür.

„Komm, lass das lieber. Du weißt doch, dass wir nicht spionieren dürfen!“ sagt der Junge nun.

Sie laufen Hand in Hand davon und ihre Aufregung ist spürbar. Nun ist es ruhig vor der Wohnzimmertür. Ich glaube, im Gang ist auch kein Licht, nur Kerzen sind zu sehen und ich rieche den Duft von Weihrauch.

Diese Stimmung ist es, die ich an Weihnachten immer so gerne einfangen möchte.

Diese Vorfreude ist es, die mein Herz erwärmt und die den Menschen oft bis ins hohe Alter nicht abhandenkommt. Da läutet es an der Tür. Gäste kommen. Zeit für mich, weiterzuziehen.

Ein letzter Blick durch den Raum: Alles ist liebevoll.

Hier drin war bereits Weihnachten, bevor ich da war...